1.November 1977: Entdeckungshoroskop Chirons

Chrion von Martin Sebastian Moritz

Die besondere Rolle von Chiron in der modernen psychologischen Astrologie 

Chiron wurde 1977 entdeckt, also vor fast 40 Jahren. Fast 40 Jahre, die in astrologischen Kreisen zur Forschung genutzt wurde, um diesen Kleinplaneten aus der Kentaurenfamilie auf seinen Deutungsgehalt hin zu untersuchen. Auch gibt es mittlerweile einiges an guter Literatur hierzu, besonders hilfreich: ‚Abwehr und Abrenzung‘ von Liz Greene.

Wunden im Horoskop:

Auch wenn es Astrologen gibt, die ihn nicht in die Deutung miteinbeziehen, finde ich persönlich seine Stellung in der Radix sehr aussagekräftig, gibt sie doch über ‚wunde Punkte‘ im Leben des Horoskopeigners Auskunft. Traumatische Erlebnisse in der Kindheit, innere und äussere Verletzungen, das Gefühl, in bestimmten Bereichen nicht richtig ‚funktionstüchtig‘ zu sein, isoliert, sich andersartig, schutz- und trostbedürftig zu fühlen. Die Wunden, die Chiron ’schlägt‘, scheinen immer eines gemeinsam zu haben: sie scheinen ganz besonders ‚ungerecht‘ zu sein, und wir können – anders  als bei Saturn – niemanden so richtig dafür verantwortlich machen. Ob wir als Kind besonders zierlich waren, gestottert haben, der Vater zu früh starb, die Mutter depressiv war, die Familie arm usw., sind Faktoren, die wir hinnehmen müssen. Der Schmerz, den die diese Wunden schlagen, macht uns menschlich, grenzt uns ab von den Göttern.

Wut über die Ungerechtigkeit:

Typischerweise findet man unter dem Gefühl, schwach und verwundet zu sein, unter dem Schmerz über die Verletzungen, oft ein Gefühl von unbändiger Wut über die Ungerechtigkeit der Umstände. Da die Chiron-Wunde nicht wirklich heilt, wie auch in der Sage über den verwundeten Kentauren, sondern nur ‚geleckt‘ werden kann, können wir uns zuweilen fühlen wie ein verletztes Tier, das Schutz unter einem Busch sucht und jeden beißt, der ihm zu nah kommt. Eine Wunde ist etwas sehr Intimes, eine Verletzung kann mit Gefühlen der Scham und Demütigung einhergehen. Daher ist es ein großer Vertrauensbeweis, jemand anderem diese Chiron-Wunde zu zeigen, z.B. in der Therapie. Auch die sensible Rolle Chirons innerhalb von engen Partnerschaften ist mittlerweile belegt; eine enge Aspektierung in der Synastrie oder im Composit zeigen Verständnis für einander an, tiefes Mitgefühl und den Wunsch, zu helfen.

Ein Blick in das Entdeckungshoroskop vom 1.11.1977

Das Horoskop ist ein Füllhorn von Hinweisen auf die Rolle, die Chiron für uns Astrologen spielen kann!

Wenig Erde: ‚Fremdeln‘ mit Körperlichkeit und Materie

Zuerst einmal fällt anhand der Elementenverteilung auf, dass es wenig Erde gibt, es geht also in erster Linie nicht um ‚praktisch-materielle Umsetzungskraft‘. Wenn Chiron ein Mensch wäre und dieses sein Horoskop, dann wäre die Hypothese statthaft, anzunehmen, dass er sich das Thema ‚Körper‘, ‚Materie‘, ‚Sinnlichkeit‘ eher erarbeiten muss.

Zwillinge-AC, Herrscher von 1 in 6, Quadrat Saturn: Gebremster Selbstausdruck

Der neugierige Zwillinge-Aszendent kann nicht so einfach ‚von Blume zu Blume‘ fliegen, wie er gerne möchte. Das Ausdrucksziel (Herrscher von 1 in 6) hat mit Themen der Selbstkritik, Alltagsbewältigung, Gesundheit und Unterordnung (Haus 6) zu tun. Der Saturn in Quadratur macht schüchtern, zurückgenommen, vorsichtig. Es ist als ob man ein Gefühl hätte von ‚Darf ich mich einfach so zeigen, wie ich bin‘? ‚Das reicht doch bestimmt nicht, ich bin bestimmt nicht gut/ interessant/ liebenswert genug, damit die anderen mich beachten‘?

Sonne-Uranus in Skorpion in 6:

Das Gefühl, ‚anders‘ zu sein (Sonne-Uranus), eigene Wege gehen zu müssen, Distanz zu brauchen, wird im Alltag und im Zusammenhang mit der eingen Gesundheit (Haus 6) erlebt. Das Moment der Körper- (und Wunden-)Pflege passen gut ins 6.Haus. Uranus zeigt hier an, dass eher unorthodoxe Methoden gefragt sind, jeder muss seinen eigenen Umgang mit der Wunde finden. Im Skorpion findet die Sonne nur den Weg zu sich selbst, indem sie weit in die Tiefe herabtaucht und keine Angst vor Wandlungsprozessen hat. Die Uranus-Konjunktion steht für eine explosive Natur, plötzliche Rachegelüste mögen auftauchen, die Chiron-Wunde brennt in solchen Momenten zu sehr, als dass sie im Alltag dauernd versteckt werden kann. Genauso abprupt und unvermittelt kann sie dann auch wieder kaschiert werden. Die geistige Komponente dieser Sonne-Uranus-Konjunktion ermöglicht eine Bewusstwerdung (Sonne) der eigenen Verwundung und die Erkenntnis, dass wir erst über das Akzeptieren des Schmerzes, den diese Wunde auslöst, menschlich und ‚ganz‘ sind, wie alle Weltenbürger (Uranus).

Rückläufiger Jupiter in Krebs in 2:

Die innere (Rückläufige) Sinnsuche (Jupiter) emotionaler (Krebs) Werte (Haus 2) zeigt eine lange Reise in die innere Welt der seelischen Reichtümer an, der Krebs geht seitwärts, auch immer mal wieder einen Schritt vor, zwei zurück. Auch muss er sich immer wieder vor Gefahren wappnen, sowohl im Sand als auch auf dem Meeresboden. Wenn der Einsiedlerkrebs sein Haus verlässt, weil es für ihn zu klein geworden ist, muss er sich auf die Suche nach einer neuen leeren Muschel oder Schneckenhaus machen, diese Suche ist ebenfalls mit vielen Gefahren verknüpft. Jupiter jedoch gibt nicht auf, möchte hinaus (in diesem Fall, da rückläufig) hinein in die Welten der Horizonterweiterung. Diese Stellung kann viel Trost spenden.

Mond in Krebs Quadrat Pluto:

Der Mond steht besonders sensibel, die Krebsfärbung steht für ein tiefes Bedürfnis nach Schutz und danach, umsorgt zu werden. Das Quadrat zu Pluto weist aber darauf hin, dass tiefe Gefühle des Ausgeliefertseins und der Machtlosigkeit, gepaart mit Mißtrauen und Rachsucht diese ‚weichen‘ Gefühle auch als hart und wütend erlebt werden können.

Saturn in Löwe in 4: Inneres Gefühl von Mangel

Die harte Kindheit, das Gefühl des Mangels in der Familie, aber auch die Fähigkeit, mit wenig Trost und Geborgenheit auskommen zu müssen. Der Selbstausdruck (Löwe) ist gepaart mit Angst (Saturn) vor Ablehnung und nicht gut genug zu sein.

Venus-Konjunktion Pluto in Waage in 5: Tiefes Mißtrauen

Die Fähigkeit, auf andere ungezwungen zuzugehen (Venus in Waage), wird gebremst von der Angt vor Kontrollverlust (Pluto). Man hat Angst, sich in die Karten schauen zu lassen, es geht darum, erst, nachdem wirklich authentischer Kontakt aufgebaut ist (Venus-Pluto), sich begegnen zu können und im Kontakt weicher zu werden (Venus).

Es gibt Hoffnung: Ein gut gestellter Neptun in 7: Trost und Nähe spenden Momente des Friedens

Neptun ist Teil einer kleinen Dreiecks-Konfiguration im Verbund mit Venus-Pluto und dem MC. Momente der Symbiose, des Mitfühlens, der Sublimierung (Neptun)  in der Begegnung (Haus 7) können Linderung bringen, frei nach dem Motto: Wenn du mir deine Wunden zeigst, zeige ich dir meine und wir können gegenseitig versuchen, dann und wann Frieden über das Gefühl der Verschmelzung von unseren Schmerzen zu erlangen. Auf der anderen Seite zeigt diese Stellung auch eine Sehnsucht nach einer Retterfigur (Neptun) an, der unsere Wunden heilt. Vergessen wir nicht: Das Christentum und sein Stifter, Jesus Christus, der für die Sünden der Menschen einen qualvollen Tod am Kreuz erlitt, stehen unter dem Zeichen Fische.

Und wo steht Chiron selbst? Ach! Er hat sich im 12. Haus ‚versteckt‘

Ausgerechnet die wichtigste Stellung, sozusagen den Planeten als Horoskopeigner selbst, finden wir in 12, wo er am unzugänglichsten ist. Die Wunde liegt tief im Unterbewusstsein, ist etwas Privates, wird nur im Rückzug erlebt, oder verdrängt. Das Quadrat vom Mars weist darauf hin, dass immer, wenn man sich durchsetzen will (Mars), die Wunde deutlich wird, vielleicht macht man sich angreifbar, fühlt sich schwach, die Aktionen rufen Schmerz auf. Ein Kampf, der immer wieder Wunden neu aufreißt? Da Mars gleichzeitig der Herrscher von 12 ist und in 3 steht, hilft es, sich auszutauschen, darüber zu reden, zu schreiben, Informationen zu sammeln. Hilfe bekommt Chiron von Saturn (Geduld und Disziplin, Zeit!) und Jupiter (Nie den Mut verlieren, alles hat einen Sinn!)

Was bleibt uns also von Chiron? Er wird uns weiterhin in Atem halten, uns helfen, unsere Wunden zu verstehen und zu akzeptieren, dass wir alle verletzt sind! Der nächste Schritt in der Forschung wäre übrigens, sich zu einigen, über welches Zeichen Chiron herrschen könnte: Zur Diskussion stehen momentan: Jungfrau oder Schütze.